Wer ret­tet wen? Oder auch nicht

WER RETTET WEN ODER AUCH NICHT
BlogAutor: Flossbach von Storch

Die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken hat gravierende Folgen – für Schuldner, Sparer, künftige Rentner und nicht zuletzt die Banken. Markus Krall rechnet in seinem Buch „Der Draghi Crash“ mit dem Allerschlimmsten. Mit einer Krise, gegen die die Finanzkrise in der Rückschau wie eine aus dem Ruder gelaufene „Pfadfinderparty“ aussehen könnte.

 

Es ist eine Abrechnung. Mit Mario Draghi, dem obersten Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) und seiner lockeren Geldpolitik. Und mit der politischen Elite, die nach jeder Krise reflexartig neue, nicht selten unsinnige Regeln ersonnen, ihre eigene Verantwortung aber stets beiseitegeschoben hat. Man habe, schreibt Krall, „einen Sektor der Volkswirtschaft nach dem anderen in einen eingezäunten Zoo aus Regulierung, zentraler Planung und staatlicher Einmischung umgewandelt.“

Der EZB und ihrem Präsidenten kommt, was die künftigen Risiken betrifft, eine besondere Rolle zu. Indem die Notenbank willkürlich den Zins verzerrt, enteignet sie „hart arbeitende, klug haushaltende Bürger“ – und fördert stattdessen die Ausgabenwut der Regierungen, insbesondere im Süden Europas. Überdies ruiniere sie mit der Nullzinsrettungspolitik das Bankensystem so gründlich, dass es in absehbarer Zukunft kollabieren werde, schreibt Krall.

Das niedrige Zinsniveau beraubt die Kreditinstitute langsam, aber sicher ihres ureigenen Geschäftsmodells – dem klassischen Kreditgeschäft. Je größer der Einlagenüberhang einer Bank ist, desto eher müssen hohe Summen bei der EZB zu einem Zinssatz von minus 0,4 Prozent deponiert oder ähnlich schlecht am Interbankenmarkt angelegt werden. Einlagen zu null Prozent anzunehmen und zu minus 0,4 Prozent wieder anzulegen, ist auf Dauer aber kein schönes Geschäft.

Dies trifft vor allem deutsche Institute, deren ehemals positive Passivmarge (wenn die Geldmarktzinsen über der Verzinsung von Kundeneinlagen liegen) nun negativ und das Sparbuch zum Subventionsobjekt geworden ist. Immer mehr Banken müssen ihren Kunden daher negative Einlagezinsen in Rechnung stellen oder die Gebühren heraufsetzen.

Die Zinserträge der Banken werden aber nicht nur durch den Verlust der Passivmarge belastet. Auch mit der Transformationsmarge, die aus der Zinsdifferenz zwischen kurzfristiger Refinanzierung und langfristiger Kreditvergabe resultiert, lässt sich angesichts der relativ flachen Zinsstrukturkurve nicht mehr viel verdienen, wobei ein weiterer Anstieg der Renditen am langen Ende hier etwas Linderung verschaffen würde. Zunächst sorgt aber jeder auslaufende, hochverzinste Altkredit für Belastungen.

Denn auch der von Banken erzielbare Risikoaufschlag auf neue Unternehmenskredite ist unter Druck. Ironischerweise sind hierfür vor allem die konjunkturbedingt steigenden Kreditratings verantwortlich. Bessere Ratings implizieren geringere Zinsaufschläge. Niedrige Kreditausfälle und geringe Abschreibungen scheinen dies zu untermauern und wirken sich positivauf die Ertragsrechnungen der Banken aus.

Doch dieser Luxus birgt ein Problem: Die niedrigen Abschreibungen und guten Kreditratings führen zu einem prozyklischen Verhalten der Banken. Kredite werden zu immer niedrigeren Margen vergeben, weil die Risikomodelle geringere Ausfallrisiken signalisieren und gleichzeitig auch die Risikovorsorge für zukünftige Kreditausfälle reduzieren. Dadurch wird die Ertragslage modellkonform geschönt, aber der Puffer für etwaige Kreditausfälle immer dünner und dünner. Im Falle einer Rezession würden diese steigen und die Rückstellungen für zukünftige Ausfälle in die Höhe schießen – mit ernsthaften Folgen.

Es treffe nicht nur die eine oder andere Bank, schreibt Krall, sondern fast alle Banken. Die Banken, die es nicht in der ersten Welle erwische, würden von den anderen mitgerissen. Kein Staat habe genug Geld, um das Bankensystem dann noch zu retten ... Kralls Buch ist bissig, nicht selten zynisch und immer kurzweilig.

Dr. Markus Krall:
Der Draghi Crash Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt.
FinanzBuch Verlag, München 2017, 208 Seiten, 18 Euro

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